Kolumne

Nicht eine Pandemie ist das grösste Risiko für die Schweiz, sondern ein Stromausfall. Dies zeigt die nationale Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS). Als grösste Risiken gelten:
- Strommangel im Winter
- Pandemie
- Flüchtlingsstrom
Für alle drei gilt: «Hohes Schadenpotenzial bei gleichzeitig relativ hoher Eintrittswahrscheinlichkeit».
Ohne Strom geht nichts mehr. Kein Licht, keine Heizung, kein Mobilfunk, kein …
Und genau diesem grössten Risiko setzt uns die schweizerische Energieversorgungspolitik bewusst oder fahrlässig aus. Mit dem Atomausstieg und der einseitigen Fokussierung auf den Ausbau von Solarstrom setzt die Schweiz auf eine Stromversorgung 2050, die nachts keinen und im Winter (Nov.–Feb.), wenn wir am meisten Strom brauchen, viermal weniger Strom produziert als im Sommer (Mai–Aug.). Wir bauen und subventionieren Sommerstrom, dabei bräuchten wir Winterstrom.
Das Resultat: Im Winter werden wir nach dem geplanten Abschalten aller Kernkraftwerke und dem Vollausbau der Solarenergie noch knapp die Hälfte des benötigten Stroms selbst produzieren können. An sonnigen Sommertagen werden wir dagegen einen riesigen Solarstromüberschuss abregeln müssen. Das Speichern über mehrere Monate zur Reduktion des Wintermangels ist schlichtweg zu teuer.
Ein Stromnetz funktioniert nur, wenn in jeder Sekunde gleich viel Strom eingespiesen wie verbraucht wird. Zu wenig aber auch zu viel Einspeisung führen zur Gefahr eines Netzausfalls. Für den Ausgleich der grossen Schwankungen (Tages-, Tag/Nacht- und Sommer/Winter-Schwankungen) der Solarenergie, im Jargon «Flatterstrom», müssen riesige Speicher und Reservekraftwerke mit vergleichbarer Kapazität und Verdopplung der Kosten bereitgehalten werden. Das wird mit zunehmendem Anteil an erneuerbarer Energie immer aufwändiger und risikoreicher, wie der Blackout in Spanien gezeigt hat. Und bei dem Spanien trotz Stromabkommen auch nicht auf Atomstrom vom Nachbarn Frankreich zählen konnte. Um ein Überschwappen des Blackouts zu verhindern, hat Frankreich im eigenen Interesse sofort die Leitungen nach Spanien gekappt.
Und was tun wir in der Schweiz? Nach dem Prinzip Hoffnung vertrauen wir mit bequemer Gutgläubigkeit darauf, dass Deutschland oder Frankreich unsere fehlenden 20 TWh Winterstrom liefern würden. Doch wieso sollte Deutschland, das wegen der gleich einseitigen Stromversorgung selbst unter Winterstrommangel leidet und begonnen hat 30 Gaskraftwerke zu bauen, zusätzliche 5 für uns bereithalten?
Statt selbst ausreichend in klimafreundliche Versorgung zu investieren, setzen wir zunehmend auf Strom aus Kohlekraftwerken, in Zukunft Gaskraftwerken und nehmen, ohne Versorgungssicherheit zu erhalten, 6 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr in Kauf. Diese fallen dann zwar in der Klimabilanz von Deutschland an und nicht in der trittbrettfahrenden Schweiz.
Mit dem Ersatz von 3 unserer 4 Atomkraftwerke können wir unser grösstes Risiko kostengünstiger, zuverlässiger und umweltfreundlicher abbauen. Atomstrom aus modernen Kernkraftwerken kostet 7.5 Rp./kWh, Solarenergie kostet zwischen 12 und 20 Rp./kWh, wenn man die Speicherkosten für den Tag/Nachtausgleich und die Backup Kraftwerke für den Winter berücksichtigt.
Die Lösung liegt auf der Hand: Wir müssen die Energieversorgung der Schweiz wieder auf die Winterversorgung ausrichten, denn dort liegt das Problem – genug Strom im Winter führt automatisch zu genug Strom über das ganze Jahr.
Aus politisch ideologischen Gründen wurde in den bisherigen Studien die Kernenergie bewusst ausgeschlossen, obwohl sie CO2-frei günstigeren und vor allem zuverlässigeren Strom ohne Winter- und Nachtlücke liefern würde als die ausschliessliche Fokussierung auf 45 TWh erneuerbare Energie. Das haben inzwischen ausser Deutschland und die Schweiz alle begriffen: Aktuell sind 67 Kernkraftwerke neuster Bauart im Bau und 115 weitere geplant.
Ein ausgeglichener Mix aus Wasserkraft, Solarenergie und Kernkraft würde uns eine saubere, zuverlässige und kostengünstige Versorgung liefern, die uns im Winter statt zum Bittsteller zum geschätzten Partner im europäischen Netz machen würde.
Heinrich Fischer
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Zur Person:
Heinrich Fischer ist Elektroingenieur der ETH. Er war Mitgründer von drei ETH-Startups und leitete später Halbleiterproduktionsanlagen in Balzers. Während 14 Jahren war er CEO der Saurer Gruppe. Anschliessend engagierte er sich 15 Jahre im Verwaltungsrat von Hilti, davon sieben Jahre als Präsident. Zudem ist er Mitglied des Stiftungsrats der ETH Foundation und Mitglied des Initiativkomitees der Kompass-Initiative.



